Auf dieser Seite lesen Sie ab dem 4.9. wieder, was es Neues bei den "Kleine Fächer-Wochen an deutschen Hochschulen" gibt. Wir wünschen eine schöne Sommerpause!

„Kleine Fächer sind nicht gleichbedeutend mit kleinen Themen“

Peter-André Alt
© David Ausserhofer

Peter-André Alt, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, im Interview über die Potenziale der Kleinen Fächer, über ihre latente Bedrohung – und darüber, was Hochschulpräsidenten mit Heiratsvermittlern gemein haben.

Herr Alt, gab es in Ihrer Forschungskarriere ein Erlebnis, durch das Sie besonders auf die Kleinen Fächer aufmerksam geworden sind?

Mir fällt da ein eindrucksvolles Beispiel ein: Ich war an einem Sonderforschungsbereich über den Wissenswandel in der Vormoderne beteiligt. Darin ging es darum, wie sich das Wissen in einer Zeit verändert, in der es noch kein Bewusstsein für die Dynamik des Wissens und für Aufgaben der Zukunft gibt, weil die Wissenskultur religiös konditioniert ist.

Welche Rolle spielten da die Kleinen Fächer?

Es war eine Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der Byzantinistik, aus der Archäologie, aus der Klassischen Philologie, aus der Wissenschaftsgeschichte des Mittelalters und der Religionsgeschichte. Die Beiträge aus allen diesen Richtungen haben das Thema in einer unglaublichen Vielfalt angereichert, und ich merkte, was es für ein Vergnügen ist, in einem derartigen Konsortium zu sitzen und von Kollegen zu lernen, die zum Beispiel ausgestorbene oder exotische Sprachen beherrschen. Das war eine prägende Erfahrung für mich.

Die Kleinen Fächer sind also eine Art Wissensspeicher in Bereichen, die ansonsten leicht in Vergessenheit gerieten?

Genau: Als Germanist kenne ich mich natürlich ein wenig in der Romania und in der englischen Literatur aus. Aber da wurden mir auf einmal Strukturen, kulturelle Ordnungsmuster und Erfahrungswelten sichtbar gemacht, von denen ich vorher gar nichts ahnte. Kleine Fächer sind also nicht gleichbedeutend mit kleinen Themen.

2017 gab es eine gemeinsame Erklärung von der Hochschulrektorenkonferenz und der Kultusministerkonferenz, in der es zentral um die „Sicherung und Weiterentwicklung“ der Kleinen Fächer ging. Stehen die Kleinen Fächer so sehr unter Druck, dass eine solche Erklärung nötig ist?

Die Hochschulfinanzierung ist meistens an die Studienplatz-Nachfrage gekoppelt – und bei den Kleinen Fächern ist diese Nachfrage nun einmal gering. Das zeigt, dass herkömmliche Indikatoren der Hochschulsteuerung nicht geeignet sind, um die Kleinen Fächer zu sichern. Deswegen ist eine besondere Sensibilisierung nötig. Das war unser Leitmotiv bei dieser Erklärung.

Kleine Fächer gibt es in allen Fachbereichen von den Sozial- bis zu den Ingenieurswissenschaften. Kämpfen die alle mit ähnlichen Problemen?

In den Naturwissenschaften hat es eine lange Tradition, dass Kleine Fächer die großen Fächer in der Lehre unterstützen. Nehmen Sie das Beispiel der Geochemie: Die Wissenschaftler dort können sich mit der Chemie oder den Geowissenschaften verzahnen und so ihr Know-How einbringen. Etwas Ähnliches passiert auch in den Geisteswissenschaften, dort ist es aber eine Entwicklung der jüngsten Zeit: Viele Fächer haben erkannt, dass sie ihre Unersetzlichkeit in großen Forschungsverbünden am besten beweisen können.

Von den inhaltlichen zu den geographischen Unterschieden: Fördern alle Bundesländer die Kleinen Fächer gleich?

Wir beobachten, dass in Bayern und Baden-Württemberg ein besonders ausgeprägtes Sensorium dafür vorhanden zu sein scheint, wie wichtig die Absicherung der Kleinen Fächer ist. Das hat sicherlich zum Teil damit zu tun, dass etwa die Ludwig-Maximilians-Universität in München oder die Universitäten in Heidelberg und Tübingen – um nur drei Beispiele aus einem sehr viel größeren Kreis herauszugreifen – sehr leistungsstark sind. Und die Landesregierungen haben verstanden, dass diese Leistungsstärke aus der Diversität und der Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten resultiert. Das ist auch sehr gut in Rheinland-Pfalz zu sehen, wo ja die Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer als Forschungsstelle innerhalb der Universität angesiedelt ist. Damit sind wir bei dem Aspekt, den ich eingangs angesprochen habe: Wer das Wissen aus Kleinen Fächern in Forschungsprojekte einbringen kann, profitiert davon durch die besondere Tiefe und Breite, in der dann im direkten Austausch wissenschaftlich gearbeitet werden kann.

So viel zu den Stärken der Kleinen Fächer. Aber: Was ist nötig, um sie ganz konkret zu stärken?

Fest steht: Die Nachfrage nach Studienplätzen lässt sich nicht steuern und die Ressourcen lassen sich ebenfalls nicht beliebig vermehren. An einem Punkt aber haben wir Einflussmöglichkeiten, und das ist die Kombinationsmacht. Über die Zusammenarbeit in der Forschung haben wir schon gesprochen, aber lassen Sie uns auch auf die Lehre schauen: Wenn an einer Universität das Fach Byzantinistik angeboten wird, ist das Programm für die Studierenden dort zwangsläufig überschaubar. Wenn sich die Byzantinistik-Standorte in Deutschland aber zusammentun und ihre Seminare gemeinsam anbieten, dann erweitert sich dadurch das Studienangebot – und das stärkt diese Fächer.

Damit zielen Sie auf die Kleinen Fächer selbst. Aber schauen wir doch auf die Hochschulen: Was können und müssen die tun, um die Kleinen Fächer zu stärken?

Universitätspräsidenten und -präsidentinnen sind Heiratsvermittler: Sie bringen Fächer zusammen, die sich noch gar nicht kennen, und stiften Liebe zwischen ihnen – mit dem Ergebnis, dass sie zusammenarbeiten. Diese Rolle müssen die Hochschulleitungen spielen, denn es ist nicht selbstverständlich, dass die Fächer von allein zusammenkommen. Und wir müssen bei der Digitalisierung vieles ankurbeln. Die revolutioniert nämlich insbesondere die Kleinen Fächer, indem sie zum Beispiel deren Materialien und Forschungsgegenstände ganz anders zugänglich macht – denken Sie nur an die Altertumswissenschaften und alle die Artefakte, die auf einmal digital greifbar sind und nicht nur in irgendwelchen Repositorien verfügbar.

Die Vernetzung zwischen den Akteuren innerhalb der Kleinen Fächer ist ja eines der Ziele der Kleine-Fächer-Wochen, die von der HRK initiiert werden. Was versprechen Sie sich noch von dem Projekt?

Ich wünsche mir, dass es gelingt, potenzielle Studieninteressenten zu gewinnen. Hier aus Berlin weiß ich, dass etwa bei der Langen Nacht der Wissenschaften und anderen Veranstaltungen etwa unsere Experten für Keilschrift oder für Ägyptologie immer großen Zulauf haben und die Faszination für ihr Fach vermitteln können. Der zweite Ansatz ist eng damit verbunden: Wichtig ist es, zu zeigen, wo die beruflichen Einsatzmöglichkeiten liegen, wenn sich ein Abiturient für die Kleinen Fächer interessiert – denn diese Fächer sind eben keine beruflichen Sackgassen. Wir sind sehr froh, dass das BMBF diese Ziele teilt und die Aktion finanziert.

Zur Person: Peter-André Alt ist Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Von 2010 bis 2018 amtierte der Literaturwissenschaftler als Präsident der Freien Universität Berlin.

Das Interview führte Kilian Kirchgeßner.

 

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