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„Wenn die Studierenden etwas auf dem Kerbholz haben“

#explorer4anight im Museum für antike Schifffahrt Mainz
#explorer4anight im Museum für antike
Schifffahrt Mainz. © Simone Gerhards

Die Universität Mainz zeigt schon nach außen, wieviel frischer Wind in ihren Kleinen Fächern weht: Ein hochmoderner Web-Auftritt und Veranstaltungen unter dem Motto #explorer4aday beweisen, dass Alterstums- und Geschichtswissenschaften nicht von gestern sind.

Am Ende des Abends stand die Ägyptologin Ursula Verhoeven-van Elsbergen auf dem Podium neben einem Stehtisch, vor sich rund 100 Zuhörer und neben sich einige Kollegen und Nachwuchswissenschaftler. Sie zogen Bierdeckel aus einem Stapel, auf jeden hatte einer der Zuhörer seine Fragen notiert. „Was war der größte Schatz, den Sie mal gefunden haben“, wollte einer von den Altertumsforschern wissen, jemand anderes fragte, ob sie bei der Berufswahl auch einen Plan B gehabt hätten. „Wir haben offen und ehrlich geantwortet“, sagt Verhoeven-van Elsbergen: „Das war der Abschluss eines spannenden und kurzweiligen Abends!“

An der Johannes Gutenberg-Universität Mainz gehen die Kleinen Fächer in die Offensive, um auf ihre Inhalte aufmerksam zu machen. #explorer4aweek ist das Konzept überschrieben, an dem sich zehn der 44 Kleinen Fächer der Universität beteiligen – und zwar diejenigen, die sich mit Altertum und Geschichte beschäftigen. Wie unkonventionell die Beteiligten ihre Aktionen angehen, zeigt allein schon die Homepage, die mit ansprechendem Design und interaktiv gestaltet ist. „Wenn wir eine breite Öffentlichkeit ansprechen wollen und nicht nur die akademischen Kolleginnen und Kollegen, dann müssen wir uns da etwas einfallen lassen“, ist Ursula Verhoeven-van Elsbergen überzeugt.

Die Auftaktveranstaltung, eine ganze Entdecker-Nacht, fand im Museum für antike Schifffahrt in Mainz statt; ein Ort, der bewusst gewählt war: Neugierig machen sollte die spätabendliche Aktion, und auch sie sollte die Altertumswissenschaften in einem neuen Licht zeigen. Zielgruppe waren Oberstufenschülerinnen und -schüler, die über Einladungen an die Schulen gezielt angesprochen worden waren. Lange Vorlesungen gab es deshalb nicht, sondern kurze Appetithäppchen, die Lust machen sollten auf mehr: Wie arbeitet man als Unterwasserarchäologin? Wie wird 3D-Technik in Museen eingesetzt? Und wie funktioniert das eigentlich mit diesen Hieroglyphen? Professorinnen, Professoren, PostDocs und Studierende gingen in Kurzvorträgen auf diese Fragen ein; Absolventen berichteten von ihrem weiteren Weg auf den Arbeitsmarkt, kurzum: Es war eine abwechslungsreiche Reise durch das Alte Ägypten, den Vorderen Orient, das antike Griechenland und Rom und das vor- und frühgeschichtliche Europa. Ganz am Schluss standen dann Ursula Verhoeven-van Elsbergen und ihre Kolleginnen und Kollegen auf dem Podium im Foyer und beantworteten die Fragen, die noch übrig geblieben sind – an Stehtischen, damit man schnell und ohne Hindernisse miteinander ins Gespräch kommt.

Die Bilanz des Abends? Die Teilnehmer äußerten sich begeistert von ihren Entdeckungen während der Nacht im Museum. Und, quasi als ungeplante Nebenwirkung: „Wir Wissenschaftler kamen auch untereinander ins Gespräch und haben sehr viele neue Leute kennengelernt“, sagt sie – „allein schon für das Zusammengehörigkeitsgefühl war das ein voller Erfolg.“ Einziger Wermutstropfen: Von den angesprochenen Schulen waren nur wenige Interessenten gekommen, vielleicht lag es am Zeitpunkt kurz nach den Herbstferien. Aber in den nächsten Monaten folgen Thementage aus den einzelnen Fächern, deren Programm weitere Aktivitäten und Einblicke in den Alltag der Altertumswissenschaften für Jung und Alt bereithalten, zum Beispiel unter dem Motto „Alltag im Alten Orient: Frühe Städte, Keilschrift; Bier“.

Eine ähnliche Ausrichtung hat die Winterschool, die die Mainzer im Februar planen; auch sie ist eines der zentralen Projekte im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen. Vier Tage lang laden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Bereichen wie Alte Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Landesgeschichte oder Byzantinistik Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet nach Mainz an – „wir möchten ihnen schon während des Bachelor-Studiums Lust machen auf einen Master in einem unserer Fächer“, sagt Regina Schäfer, eine der Programmverantwortlichen. Sie will nicht nur Studierende der „klassischen“ Geschichtswissenschaften für eines der Kleinen Fächer begeistern, sondern auch Quereinsteiger aus anderen Fächern. Es soll deshalb bewusst auch um die Mythen gehen, die den Disziplinen anhaften. „In der Studienberatung hören wir immer wieder typische Sätze, die wir aufgreifen wollen: ‚Das ist mir zu abstrakt, ich will nicht lernen, wer wann Zar war’ ist einer davon, ein anderer lautet ‚Geschichte fasziniert mich zwar, aber ich will nicht arbeitslos werden.’ Wir möchten zeigen, welches Potenzial in unseren Fächern steckt.“

32 Stipendien haben die Mainzer für ihre Winterschool ausgeschrieben, und die Interessenten möchten sie möglichst hautnah an die Forschungsgegenstände heranführen: Sie bekommen originale, handschriftliche Quellen aus dem Mittelalter in die Hand, um sie lesen zu lernen, sie bauen mit Goldschmieden Schmuck nach, dessen Beschreibung sich in einem byzantinischen Traktat findet und sie gehen in einem Museum Restauratoren zur Hand. „Jeder weiß, was es heißt, etwas auf dem Kerbholz zu haben“, sagt Historikern Regina Schäfer – „aber fast keiner hat selbst einmal eines angefasst!“ Konzeptionell ist die Winterschool in vier Bereiche geteilt: In Workshops geht es um eigene Produkte, die die Studierenden anfertigen und sogar eine eigene kleine Ausstellung; in den sogenannten Histo-Sprints nehmen sie Quellen aus ganz unterschiedlichen Materialien vom Lumpenpapier bis zum Goldschuck in die Hand, um mit ihnen zu arbeiten, bei Abendveranstaltungen tauchen sie tiefer ein – ohne Trennungen zwischen den Disziplinen. Alle beteiligten Kleinen Fächer kommen mit ihren Fragestellungen gleichermaßen vor, die Teilnehmer bekommen Einblicke in alle von ihnen. Erst am Schluss, bei einem Beratungsblock, überlegen sie mit Fachberatern und Professoren, wie aus den neuentdeckten Interessen ein Masterstudium werden könnte.

Text von Kilian Kirchgeßner.

 

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