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„Für den Nachwuchs an die Schule“

Die Bioinformatiker aus Halle, Leipzig und Gatersleben betreuen Jugend-Forscht-Arbeiten und halten Unterrichtsstunden an Gymnasien – mit Erfolg: Sie schaffen es, künftige Studienanfänger für ihr Fach zu begeistern.

Ihre Tüte mit den Papierschnipseln haben die Bioinformatiker von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg immer dabei, wenn sie ein Gymnasium besuchen. Gespannt schauen die Schülerinnen und Schüler zu, wenn die Schnipsel vor ihnen auf dem Tisch ausgeschüttet werden: Textfragmente stehen auf jedem von ihnen, „Der Hund läuft um“ beispielsweise, „läuft um die Ecke“ oder „Ecke des Hauses“. Die Aufgabe: Die Schüler sollen aus den Textfragmenten einen ganzen Text zusammenbauen. „Vor der gleichen Aufgabe stehen wir Bioinformatikerinnen und Bioinformatiker, wenn wir aus DNA-Fragmenten eine ganze DNA-Sequenz zusammensetzen wollen“, sagt Ivo Große: „Die durch moderne Sequenziertechnologien gewonnenen Millionen von DNA-Fragmenten überlappen sich genauso wie die Textfragmente auf den Papierschnipseln.“

Ivo Große hat inzwischen einen reichen Erfahrungsschatz, wenn es darum geht, die komplexen Inhalte seines Fachs an naturwissenschaftlich interessierte Schüler zu vermitteln. Er ist an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg einer von zwei Professoren im Fach Bioinformatik, und eines seiner zentralen Ziele ist es, geeigneten Nachwuchs zu finden. „Die Bioinformatik ist eine recht junge Disziplin; als unser Diplomstudiengang im Jahr 1999 gegründet wurde, war er einer der ersten in Deutschland“, sagt er. Zwanzig Jahre später gibt es jedoch noch immer das Problem, dass potenzielle Studieninteressenten oft nicht wüssten, dass es dieses Fach überhaupt gibt. „Viele Abiturientinnen und Abiturienten denken bei der Wahl ihres Studienfaches an die klassischen Säulen, die sie aus dem Schulunterricht kennen: Da gibt es die Mathematik, die Physik, die Chemie, die Biologie, die Geografie oder manchmal auch die Informatik. Aber dass es an den Universitäten auch phantastische Studienfächer zwischen diesen Säulen gibt, ist vielen von ihnen nicht bewusst.“ Rund 40 Studienanfänger schreiben sich pro Jahr in Halle für den Bachelorstudiengang Bioinformatik ein, die Abbrecherquote ist wie bei fast allen MINT-Fächern hoch; in den Masterstudiengang kommen jährlich rund 15 Interessenten, von denen dann fast alle auch den Abschluss schaffen. „Die Pyramide ist am oberen Ende stabil“, bilanziert Ivo Große, „mit der Anzahl und der Qualität der Masterstudierenden, der Doktorandinnen und Doktoranden und der Postdocs sind wir sehr zufrieden. Aber die Basis der Pyramide könnte deutlich breiter und qualitativ hochwertiger sein. Hier gibt es ganz klar Verbesserungsbedarf.“

An dieser Stelle möchten er und seine Kollegen während der Kleine Fächer-Wochen anknüpfen, und sie können dabei auf zahlreiche Erfahrungen aus der Vergangenheit aufbauen: An einigen Schulen haben die Bioinformatiker bereits Vereinbarungen getroffen, dass sie in den höheren Klassenstufen eine oder zwei der Unterrichtsstunden übernehmen dürfen. Es gibt außerdem die „BioBYTE“, eine Sommerschule zum Thema Bioinformatik für Schüler, sowie Wochenend-Seminare zu verschiedenen Themen der Bioinformatik, bei denen interessierte Schüler tiefer in die Faszination und die Relevanz dieser jungen Wissenschaft hineinschnuppern können.

Das Beispiel mit der DNA-Sequenzierung ist dabei bewusst gewählt: Es demonstriert, wie eng in der Bioinformatik Elemente aus der Biologie mit jenen aus der Informatik zusammenspielen. Das mühevolle Zusammensetzen der Papierschnipsel erledigt im Fall der DNA eine Software, und mit Hilfe weiterer Methoden aus der Bioinformatik lassen sich die Geheimnisse von Krankheiten oder der Reaktion von Pflanzen auf den Klimawandel auf molekularer Ebene entschlüsseln. Für den Kampf gegen Krankheiten oder für die Züchtung von Pflanzen, die an höhere Temperaturen oder geringeren Niederschlag angepasst sind, hat das eine große Bedeutung. Dem entspricht die Nachfrage nach Bioinformatik-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt: Diese sei „extrem hoch“, urteilt Ivo Große.

Und – bringt die Mühe etwas, die er und seine Kollegen in die Arbeit an Schulen investieren? Er habe den Eindruck, antwortet Ivo Große, dass einige Schüler ins Nachdenken kommen. „Neulich sprach mich eine Abiturientin an, die sagte, eigentlich habe sie vor, Pharmazie zu studieren, aber was sie da bei uns gesehen habe, sei echt noch cooler“, erinnert er sich. Ähnliche Rückmeldungen gebe es öfters – bis hin zu jenen beiden Schülern, die sich nach dem Vortrag an ihrer Schule entschieden, eine Facharbeit über ein Thema aus der Bioinformatik zu schreiben. Spontan sagte Ivo Große zu, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen sie dabei betreuen wollen.

Genau dieses Engagement für Jugend-Forscht-Themen, Schülerpraktika, Facharbeiten und ähnliche Projekte soll zum wichtigen Instrument in der Gewinnung von hoffnungsvollen Studienanfängern werden. Deshalb wollen die Bioinformatiker aus Halle, Leipzig und Gatersleben es jetzt während der Kleine Fächer-Wochen weiter ausbauen.

Den Text schrieb Kilian Kirchgeßner.

 

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