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„Einfach nur zuhören“

Kleinkinder im Eindruck der Veranstaltung „Klangraum Musik".
Kleinkinder im Eindruck der Veranstaltung
„Klangraum Musik". © E. Betz

Die Musikpädagogen aus Mannheim führen Interessenten bewusst zu neuen Hör-Erlebnissen in völlig ungewohntem Rahmen. Dabei profitieren alle, wie sich zeigte: Die Besucher ebenso wie die Studierenden und die Lehrenden.

Dass die Gäste zu Beginn eine Augenbinde anlegen, gehörte zum Konzept bei der Veranstaltung, in der sie Geräusche und Musik mit ganz neuen Ohren wahrnehmen sollten. „Ganz. Ohr. Sein“ haben die Musikpädagogen von der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim ihre Veranstaltungen im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen überschrieben. Das buchstäblich blinde Eintauchen in die Welt der Klänge gehörte zu den Höhepunkten des vielseitigen Programms. „Wir haben die Zuhörerinnen und Zuhörer dabei bewusst zu Orten außerhalb der Hochschule geführt“, sagt Elias Betz, Professor für Elementare Musikpädagogik und einer der Organisatoren.

Das „Führen“ war durchaus wörtlich zu verstehen: Von der Hochschule aus wurden die Gäste mit verbundenen Augen von Studierenden zum eigentlichen Veranstaltungsort geleitet. Dieser Spaziergang („Soundwalk“ nannten ihn die Mannheimer) war gewissermaßen das Entrée zu zwei Konzerten, die ebenfalls im Dunkeln stattfanden: eins in einem luxuriösen Möbelhaus, das andere treffenderweise in einem Hörakustik-Studio. „Für beide Konzerte haben wir uns unterschiedliche musikalische Konzepte ausgedacht“, erläutert Elias Betz: Klezmer, orientalische Musik und viel Improvisation an einem Veranstaltungsort, Musik von Stravinsky und Steve Reich am anderen. Betz und seine Kolleginnen und Kollegen waren auf diese Darkroom-Konzerte besonders gespannt, denn mit ähnlichen Konzepten hatten sie noch keine Erfahrung. „Die Schulung der Wahrnehmung spielt bei uns im Fach eine große Rolle. Es geht immer wieder darum, zu tiefgehenden ästhetischen Erfahrungen zu verhelfen“, sagt Elias Betz. Entsprechend waren in die Vorbereitung auch Studierende und Lehrende aus anderen musikpädagogischen Studiengängen eingebunden. Bei den Darkroom-Konzerten sammelten sowohl die Musikpädagogen spannende Erfahrungen als auch die Gäste. „Wir haben nach zwei Dritteln des Konzerts den Teilnehmern eine Hand auf die Schulter gelegt als Zeichen, dass sie jetzt die Augenklappe abnehmen können, wenn sie möchten“, erzählt Elias Betz – „aber einige haben sie bewusst weiter aufgelassen. Es ist tatsächlich etwas anderes, Musik in einem klassischen Konzert mit geschlossenen Augen zu hören oder von Anfang an gar nicht hinschauen zu können.“

Mit Vortragssequenzen, einer Schulveranstaltung, einem Studientag und weiteren Formaten legte die Mannheimer Hochschule für Musik und Darstellende Kunst das Konzept für die Kleine Fächer-Wochen bewusst weit aus. Die Öffentlichkeit stand ebenso im Fokus der verschiedenen Veranstaltungen wie Studieninteressenten und Fachkollegen; profitieren sollten alle, wenn auch natürlich auf unterschiedlichen Ebenen. Deutlich wird das beispielhaft auch am „Klangraum Musik“, der sich bewusst an Eltern mit Kleinkindern richtete: Die Kinder saßen auf Matten in der Mitte eines Saales, ringsum umgeben von Musikern. Eine Dreiviertelstunde lang konnten sie regelrecht in die Musik eintauchen, die von allen Seiten auf sie einwirkte: Von Bach bis zu einem Sprechstück, von der Tuba bis zum Vibraphon, von der Harfe bis zur Perkussion. „Die Eltern haben wir gebeten, die Kinder einfach in Ruhe zuhören zu lassen. Sie sollten nicht auf irgendetwas aufmerksam machen, keinen Kommentar abgeben, sondern einfach beobachten, wie ihre Kinder reagieren“, sagt Elias Betz. Damit unterschied sich die Veranstaltung deutlich von anderen kindgerechten Formaten, wie sie bei vielen philharmonischen Orchestern längst zum Repertoire gehören. Und vor allem: Als Musiker wirkten ausnahmslos Studierende, die durch die Kinder eine unmittelbare Reaktion auf ihr Spielen bekamen.

Am Abschluss der zahlreichen Veranstaltungen in Mannheim veranstalten die Musikpädagogen einen Studieninformationstag. Interessenten, die während eines der musikalischen Projekte neugierig geworden sind auf den Studiengang und die vielen Möglichkeiten, die er eröffnet, konnten sich dabei direkt mit den Lehrenden austauschen und die nächsten Schritte planen.

Text von Kilian Kirchgeßner.

 

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