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„Ein Logenplatz für die Ränder"

Der ukrainische Autor Serhij Zhadan bei einer Lesung im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen an der JLU Gießen.
Der ukrainische Autor Serhij Zhadan bei einer
Lesung im Rahmen der Kleine Fächer-Wochen an
der JLU Gießen. © JLU/Rolf K. Wegst

Die Kleinen Fächer aus Gießen nahmen einen Perspektivwechsel vor: Statt aus der Mitte der Gesellschaft auf ihre Disziplinen zu schauen, blickten sie von ihren Rändern aus auf gesellschaftliche und politische Fragen unserer Zeit – mit bemerkenswertem Erfolg.

Welches Buch sie als nächstes lesen würde, wusste Monika Wingender gleich, als sie nach dieser Abendveranstaltung nach Hause ging: Serhij Zhadan war in Gießen zu Gast, einer der bekanntesten Autoren der Ukraine, und trug aus seinem Roman „Internat“ vor. „Darin geht es um den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, und als der Autor vortrug, war das für mich gleichermaßen bedrückend wie beeindruckend“, sagt Wingender, die an der Justus-Liebig-Universität Professorin für slavische Sprachwissenschaft ist und zugleich geschäftsführende Direktorin des Gießener Zentrums Östliches Europa – bedrückend wegen der eindrücklichen atmosphärischen Schilderungen aus einem gebeutelten Land und beeindruckend durch die literarische Größe des Werks.

Für Monika Wingender war die Lesung eines der Highlights der Kleine Fächer-Woche, und zugleich war sie kennzeichnend für den Ansatz der Gießener: „(Ein)Blick von den Rändern“ waren die Aktivitäten der Kleinen Fächer hier überschrieben, und dieses Motto verstanden die Organisatoren als inhaltliche Maßgabe. Einen Blick zu werfen nicht nur auf den Forschungsgegenstand der Osteuropa-Forscher oder der Altertumswissenschaftler, sondern auch durch diese Fächer den Blick in den Spiegel zu wagen, auf die eigene Situation – das war das Ziel, und diese umgedrehte Perspektive kam bestens an. Bewusst setzte beispielsweise das Gießener Zentrum Östliches Europa auf Publikumsmagnete, um die Veranstaltungen für ein breites Publikum interessant zu machen. Serhij Zhadan war einer davon, ebenfalls eingeladen war beispielsweise der russische Autor Vladimir Sorokin. Allein bei der Einführungsveranstaltung waren 150 Besucher, ein klares Zeichen für das Veranstalterteam um Monika Wingender, dass das Konzept aufging. „Das Interesse an Osteuropa ist riesig, das haben auch die vielen Fragen und die angeregten Diskussionen gezeigt“, bilanziert sie.

Und noch eine zweite Überlegung der Gießener funktionierte: Über die Publikumsveranstaltungen wie die Lesungen lockten sie Zuhörer auch zu öffentlichen Vorlesungen der Wissenschaftler; damit erschlossen sie sich ein Publikum, das ansonsten nicht unbedingt den Weg in die Universität gefunden hätte. Bewusst fand die Kleine Fächer-Woche in Gießen tatsächlich als zeitlich gedrängtes Programm statt: Auf gerade einmal neun Tage verteilte sich eine Vielzahl von Aktivitäten, sodass die Interessenten aus der Stadtbevölkerung, aber auch aus der Universität selbst von einer Veranstaltung zur nächsten gelockt wurden – das verleiht dem Ganzen eine Art Festivalcharakter, wie eine der Beteiligten es nannte. „Das ist ein Ansatz, den wir schon vor acht Jahren erprobt haben, als wir ebenfalls mit der HRK eine Russlandwoche veranstaltet hatten“, sagt Monika Wingender – an die guten Erfahrungen von damals knüpfte sie mit ihrem Organisationsteam jetzt an.

Tatsächlich ist auch der inhaltliche Ansatzpunkt nach wie vor ähnlich: Osteuropa werde lediglich als peripher wahrgenommen, beobachtet Wingender; das zeige sich allein schon daran, dass Germanistik, Anglistik, Romanistik und andere Philologien, die sich mit Westeuropa beschäftigen, große Fächer seien, während die Slawistik und die Osteuropäische Geschichte als Kleine Fächer in einer randständigen Lage seien – der Titel „(Ein)Blick von den Rändern“ ist deshalb durchaus auch mit einer Portion Selbstironie gewählt.

Umso eindrucksvoller führte das Programm dann vor Augen, welche Chancen und Reichtümer im Fachwissen der Kleinen Fächer liegen, und zwar gleichermaßen in den Osteuropa-Wissenschaften wie den Altertumswissenschaften: Eine Podiumsdiskussion zur Übersetzung „kleiner“ Literaturen auf dem Markt der Medien gab es, eine Ausstellung über die Chancen der Zweisprachigkeit, ein studentisches Theaterstück, es gab einen Roundtable zur Frage, wie Kleine Fächer Karrieren für das Jahr 2030 fördern, und eine kommentierte Lesung aus Herodots Geschichtswerk – auch die bot gemäß dem titelgebenden Perspektivwechsel der Kleine Fächer-Wochen Einblicke vom Rand; in diesem Fall einen Blick aus vergangener Zeit auf die Gegenwart.

Zu den gut besuchten Veranstaltungen gehörten auch Kino-Abende mit Meisterwerken aus der osteuropäischen Cinematographie der vergangenen Jahre. „Ein bisschen schade ist nur“, sagt Monika Wingender augenzwinkernd, „dass wir so viele Programmpunkte hatten, dass ich es gar nicht geschafft habe, alle Filme zu sehen!“

Text von Kilian Kirchgeßner.

 

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