Positionen

Zur Internationalisierung der Curricula


Empfehlung der HRK-Mitgliederversammlung vom 9.5.2017

Einleitung
Auch wenn Hochschulen sich seit jeher als internationale Einrichtungen verstehen, so ist Internationalität doch insbesondere in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem besonderen Profilmerkmal deutscher Hochschulen geworden. Indem sie Internationalisierung als integralen Bestandteil ihrer strategischen Entwicklung begreifen, orientieren die Hochschulen ihr Handeln und Wirken an einer Lebenswirklichkeit, in der eine globale Dimension von ebenso großer Bedeutung ist wie nationale, regionale und lokale Bezugspunkte.[1]

Internationalisierung wird hierbei zunehmend als Querschnittsaufgabe verstanden, die in alle Bereiche der Hochschule dauerhaft hineinwirkt. Sie reduziert sich nicht länger auf traditionelle Kernbereiche wie die gemeinsame Forschung mit internationalen Partnern oder die Mobilität von Studentinnen und Studenten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Diese Felder bleiben von hoher Relevanz, jedoch umschließt ein breit gefasstes Verständnis von Internationalisierung zwangsläufig auch die Inhalte der akademischen Lehre.

Die zentrale Stellung der Lehre verdeutlicht ein kurzer Blick auf die Zahlen zur Auslandsmobilität von Studentinnen und Studenten. Auch wenn Studierende an deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich überdurchschnittlich mobil sind, so bleibt die große Mehrheit der aktuell 2,8 Millionen Studentinnen und Studenten weiterhin ohne Auslandserfahrung.[2]

Allen Anstrengungen und allen Erfolgen bei der Internationalisierung der Hochschulen zum Trotz, wird somit auch in Zukunft ein signifikanter Prozentsatz der Absolventinnen und Absolventen beim Eintritt in die Arbeitswelt nicht auf einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt zurückblicken können. Diesen Absolventinnen und Absolventen fehlen die interkulturellen und internationalen Erfahrungen, wie sie insbesondere längere Auslandsaufenthalte gewährleisten. Die konsequente Internationalisierung der Curricula aller Fachrichtungen kann hier ein wirkungsstarkes Instrument sein, um allen Studierenden in vielerlei Hinsicht an ihrem deutschen Standort eine internationale Perspektive zu vermitteln.

Wie keine Generation vor ihr sieht sich die heutige Generation der Studierenden mit den Auswirkungen der Globalisierung konfrontiert. Den Hochschulen kommt daher die Aufgabe zu, alle Studierenden auf die Chancen, Risiken und Unsicherheiten einer globalisierten Welt bestmöglich vorzubereiten. Dieses ambitionierte Ziel lässt sich im 21. Jahrhundert nicht unter Rückgriff auf Curricula erreichen, die in ihrer bisherigen Form je nach Fächerkultur oftmals eher national als international ausgerichtet sind. Um Studierende zu einer aktiven und (auch im eigentlichen Wortsinne) selbstbewussten Teilhabe an einer über nationale Grenzen hinweg vernetzten Welt zu qualifizieren, bedarf es Curricula, die in ihrem Kern international sind.

Nur solche Curricula, die die mit der Globalisierung einhergehende Perspektivenvielfalt produktiv aufgreifen, werden Studierende adäquat zur Wahrnehmung eines verantwortungsbewussten Weltbürgertums (global citizenship) qualifizieren. Die durchgängige Internationalisierung der Studienprogramme ergänzt somit bestehende Instrumente der Internationalisierung und bietet die Möglichkeit, internationale Elemente nicht lediglich an ausgewählten Stellen des Studiums zu verorten, sondern Raum zu schaffen für eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit internationalen und interkulturellen Lerninhalten im Verlauf des Hochschulstudiums in Deutschland.

Begriffsverständnis
Mit der vorliegenden Empfehlung möchte die Hochschulrektorenkonferenz einen Beitrag dazu leisten, die Curricula an deutschen Hochschulen zu internationalisieren. Sie bezieht sich in Analyse und Empfehlungen dabei auf ein Begriffsverständnis, nach dem Curricula als Teilbereich der akademischen Lehre zu verstehen sind. Unter einem Curriculum versteht sie im weitesten Sinne den Lehrplan eines Studiengangs, wie er in Modulhandbüchern und fachspezifischen Bestimmungen niedergelegt ist. Er umfasst die Lernziele der einzelnen Module eines Studiengangs, die Inhalte sowie die Unterrichtsmaterialien wie Lehrbücher oder digitale Angebote.

In Anlehnung an eine wissenschaftliche Definition der Internationalisierung der Curricula versteht die Hochschulrektorenkonferenz unter “Internationalisierung” dabei die Integration einer internationalen, interkulturellen oder globalen Dimension in das Curriculum.[3]

Unstrittig bleibt gleichzeitig, dass eine Internationalisierung nicht alleine die Curricula, sondern vielmehr die akademische Lehre in ihrer Gesamtheit umfassen kann. Hierzu können neben den Curricula auch die Methodik und die Unterrichtsorganisation zählen. Sofern die Internationalisierung der Curricula Anknüpfungspunkte an diese Bereiche bietet, werden sie in der vorliegenden Empfehlung ebenfalls kurz behandelt – wohl wissend, dass sich bezüglich der Wahl der Methoden und Lehr- und Lernformate angesichts der Heterogenität der Fächerkulturen und -systematiken wenig Verallgemeinerndes sagen lässt.

Zielsetzungen
Mit der Internationalisierung der Curricula verbindet sich ein Spektrum von Zielsetzungen:

  • Die Studierenden werden zur interkulturellen Kommunikation befähigt. Der Aufbau interkultureller Kompetenzen vermittelt Studierenden die Fähigkeit, die Standortgebundenheit der eigenen Perspektive und somit die Ausgangsbedingungen eigenen Handelns kritisch zu reflektieren.
  • Die Internationalisierung der Curricula leistet einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden. Interkulturelle Kompetenz und die hiermit verknüpfte Fähigkeit, interkulturell zu kommunizieren, sind Grundvoraussetzungen sowohl für den Umgang mit dem Anderen wie auch für gemeinsames Handeln. Ohne sie ist die Teilhabe an einer multikulturellen, demokratischen Gesellschaft nicht vorstellbar.
  • Die Internationalisierung der Curricula versetzt die Studierenden in die Lage, interdisziplinär und vergleichend zu arbeiten.
  • Die Internationalisierung der Curricula erweitert die Fremdsprachenkenntnisse der Studierenden und fördert ihre Fähigkeit, in internationalen Teams zu arbeiten.
  • Die Internationalisierung der Curricula erhöht die internationale Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden, indem sie ihnen eine globale Perspektive auf ihr Studiengebiet, ihre Fachdisziplin und ihren späteren Beruf ermöglicht.

Hiermit kommen die Hochschulen dem Bestreben einer kontinuierlich wachsenden Zahl von Studierenden nach, internationale Karrierewege einzuschlagen. Die Internationalisierung der Curricula dient dem Anschluss der Lehre an die Lebenswelten und Lebensentwürfe der Studierenden.

Ausgangslage
Auch wenn sich in der akademischen Gemeinschaft längst die Überzeugung durchgesetzt hat, dass die großen und grenzüberschreitenden Herausforderungen unseres Jahrhunderts – wie zum Beispiel Klimawandel, Armut, Unterernährung, Migration, Energiesicherheit – nicht nur interdisziplinärer, sondern auch internationaler Lösungsansätze bedürfen, verharren die Fachdisziplinen noch zu häufig bei einem Verständnis von Hochschullehre, das nationale Sichtweisen gegenüber internationalen Perspektiven bevorzugt.

Derzeit variiert der Grad der gelebten Internationalität von Fachdisziplin zu Fachdisziplin und von Studienprogramm zu Studienprogramm. Dies zeigen die Ergebnisse unabhängiger und systematischer Internationalisierungsberatungen, wie sie zum Beispiel das HRK-Audit „Internationalisierung der Hochschulen“ an mittlerweile mehr als 80 deutschen Hochschulen durchgeführt hat. Die Fachgebiete nähern sich der Internationalisierung der Curricula somit aus sehr unterschiedlichen Ausgangslagen, die es jeweils zu berücksichtigen gilt.

Übergeordnetes Ziel der Internationalisierung der Curricula muss es sein, den Grad der Internationalität der Curricula in allen Fachdisziplinen deutlich zu erhöhen, ohne jedoch die spezifischen Voraussetzungen und Zielsetzungen der Fachgebiete zu ignorieren. Wie auf anderen Feldern der Internationalisierung der Hochschulen so gilt auch hier, dass standardisierte Lösungsansätze nicht geeignet sind, um die gewünschten Veränderungen zu erzielen. Vielmehr sind die Fachdisziplinen, zum Beispiel in ihren Fachgesellschaften, gefordert, ihre spezifischen Zugänge zu Internationalität und zur Vermittlung interkultureller Kompetenzen zu definieren und für die Studierenden nachvollziehbar im Curriculum zu verankern.

Empfehlungen
Eine beständig wachsende Gruppe von Hochschulen hat bereits begonnen, internationale und interkulturelle Elemente erfolgreich in die Lehrpläne zu integrieren. Die Weiterentwicklung der Curricula beschränkt sich hierbei nicht auf spezifische Fachdisziplinen, sondern reicht von den Geistes- und Sozial­wissenschaften über die Naturwissenschaften und die Medizin bis hin zu den Ingenieur­wissenschaften. Auch in der universitären Lehrkräftebildung, in Kursen zur Allgemeinen Berufsvorbereitung und im Bereich der general studies finden sich vielversprechende Ansätze.

Die vorliegende HRK-Empfehlung stützt sich in großen Teilen auf Erfahrungswerte aus diesen Projekten. Aus ihnen lässt sich eine Reihe von generellen Empfehlungen und Beobachtungen ableiten, die, trotz der signifikanten Unterschiede zwischen den Fachgebieten, disziplinübergreifende Gültigkeit beanspruchen können.

Die vorliegende Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz wird ergänzt durch Beiträge aus den Fachdisziplinen, in denen die Internationalisierung der Curricula aus der spezifischen Sichtweise des jeweiligen Faches betrachtet wird.

Lehr- und Lerninhalte
Offensichtliche Anknüpfungspunkte für die Internationalisierung der Curricula bieten solche Studienprogramme und Lehrveranstaltungen, die bereits in ihrer derzeitigen Form international ausgerichtet sind. Die Studiengänge International Relations in der Politikwissenschaft und Intercultural Theology in der Religionswissenschaft sowie Angebote im Bereich Global Health in der Medizin sind Beispiele dafür. Ebenso sind Studienprogramme der Regionalstudien (Area Studies) bereits durch ihren Gegenstand international geprägt.

Internationale und interkulturelle Aspekte sollten jedoch auch in Studienprogrammen berücksichtigt werden, die die Annäherung an den Gegenstand aus einer Pluralität internationaler Perspektiven nicht von vornherein nahelegen bzw. in denen die Internationalität des Betrachtungsgegenstandes zwar gewährleistet ist, aber nicht notwendigerweise bewusst reflektiert wird.

Aktuell beschränken sich Ansätze zur Internationalisierung der Lehre noch zu häufig auf die Einbindung von Gastvorträgen internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie auf das Angebot englischsprachiger Lehrveranstaltungen. Die Internationalisierung der Lehrpläne setzt jedoch die Verankerung einer interkulturellen, internationalen und globalen Dimension in allen Curricula voraus. Den Fachdisziplinen kommt die Aufgabe zu, die Curricula so umzugestalten, dass althergebrachte nationale oder auch eurozentrische Perspektiven durchbrochen werden. Hierzu ist es notwendig, tradierte Lehrpläne im Hinblick auf die Akzentuierung relevanter globaler Inhalte zu analysieren und entsprechend umzugestalten. Gemeinhin zeichnen sich internationalisierte Curricula aus durch eine Pluralität alternativer Sichtweisen und eine generelle Wertschätzung von Vielfalt. Sie vermitteln den Studierenden umfassende Fachkenntnisse aus einer Vielzahl internationaler Perspektiven und ermöglichen ihnen ein globales Verständnis ihrer Fachdisziplin und damit mittelbar auch ihres späteren Berufs. Dabei wird es wichtig sein, den Studierenden den Wert internationalisierter Lehrpläne zu verdeutlichen.

Die Empfehlung, die Lehrpläne zu internationalisieren, sollte keinesfalls missverstanden werden als Aufruf, die Curricula quantitativ zu erweitern. Viele Studienprogramme zeichnen sich bereits in ihrer jetzigen Form durch eine hohe inhaltliche Dichte aus und sind ausgesprochen lernintensiv. Die Internationalisierung der Curricula beinhaltet vielmehr die Einbeziehung interkultureller und internationaler Elemente in die bestehenden Lehrpläne. Es handelt sich somit nicht unbedingt um zusätzliche Lerninhalte, sondern um die Neuausrichtung existierender
Curricula.

Empfehlungen:

  • Den Hochschulen wird empfohlen, bestehende Lehrpläne nicht lediglich durch eine internationale Komponente zu erweitern, sondern internationale und interkulturelle Elemente fest in die Kerncurricula zu integrieren.
  • Den Hochschulen wird empfohlen, den Studierenden den Wert internationaler Curricula zu verdeutlichen.
  • Es wird empfohlen, die Curricula durch die Neukonzeption bestehender Lehrpläne zu internationalisieren. Hierbei gilt es in der Regel zu vermeiden, den Umfang der Curricula zu erweitern.

Instrumente
Die Internationalisierung der Curricula ist an keine spezifische Vorgehensweise geknüpft. Internationale und interkulturelle Lehrinhalte lassen sich auf verschiedene Art und Weise in die Lehre integrieren. Studienprogramme und -module sollten stets so konzipiert werden, dass sie rein nationale Perspektiven durchbrechen. In einigen Fächern eignen sich hierzu Instrumente wie der gezielte Einsatz von fremdsprachlichen, internationalen Materialien sowie die Einbindung und Kontextualisierung internationaler Forschungsergebnisse, in denen sich internationale theoretische Ansätze und Denkschulen widerspiegeln. In den Ingenieur- und Naturwissenschaften können international unterschiedliche Gegebenheiten oder Anwendungsgebiete, Normen und Standards genutzt werden.

Die Hochschulen sollten zudem bestehende internationale Kooperationen gezielt für die Internationalisierung der Curricula nutzen. Auch die zunehmende Diversifizierung der Studierendenschaft bietet Anknüpfungspunkte für eine Internationalisierung der Curricula. Internationale Studierende können aktiver als bisher in die Lehre eingebunden werden. Dies kann z. B. durch Projektarbeit mit deutschen Studierenden erfolgen. Sie können maßgeblich dazu beitragen, einen Perspektiv- und Diskurswechsel in der Lehre zu initiieren.

Empfehlungen:

  • Die Internationalisierung der Curricula soll flächendeckend in allen Fachdisziplinen erfolgen.
  • Neben dem Einsatz fremdsprachlicher, internationaler Materialien kann auch die Einbindung der Perspektive internationaler Studierender einen Perspektivwechsel in der Lehre initiieren.

Sprache
Die Internationalisierung der Curricula ist keineswegs gleichzusetzen mit einer generellen Abkehr vom Deutschen als Unterrichtssprache.[4] Fremdsprachige Lehre allein ist kein Garant für die erfolgreiche Vermittlung internationaler und interkultureller Kompetenzen. Die Internationalisierung der Curricula wird aber einhergehen mit einem Ausbau des Angebots an fremdsprachigen Lehrformaten. Hierbei ist stets zu gewährleisten, dass der Unterricht in einer Fremdsprache nicht zum Absinken des wissenschaftlichen Niveaus führt. Gegebenenfalls ist der deutschen Sprache der Vorzug zu geben, wobei internationale Inhalte auch in deutschsprachige Veranstaltungen Eingang finden müssen.

Vertiefte Kenntnisse in einer oder idealerweise mehreren Fremdsprachen bilden den Grundstein interkultureller Interaktion. Das Erlernen einer neuen Sprache stellt eine wichtige Selbsterfahrung für die Studierenden dar und trägt überdies dazu bei, ihren internationalen Horizont maßgeblich zu erweitern. Unabhängig von spezifischen Studiengängen sollte daher allen Studierenden die Möglichkeit eröffnet werden, Sprachkurse zu belegen und die erbrachten Leistungen bescheinigt zu bekommen. Der Fremdsprachenerwerb ist somit curricular zu verankern.

Über den allgemeinen Sprachgebrauch hinaus ist auch die fachspezifische Mehrsprachigkeit der Studierenden gezielt zu fördern. Nur vertiefte, fachspezifische Kenntnisse einer oder mehrerer Fremdsprachen ermöglichen es den Studierenden, internationale Forschungsbefunde zu rezipieren. Dem Englischen als Lingua franca der akademischen Welt kommt hierbei besondere Bedeutung zu. Auch außerhalb von Hochschule und Wissenschaft erhöhen fachspezifische Sprachkenntnisse die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen. Für eine Tätigkeit im Ausland sind sie unabdingbar, jedoch setzt auch die Beschäftigung in einem kulturell vielfältigen Deutschland fachspezifische Kenntnisse von Fremdsprachen voraus.

Empfehlung:

  • Die Internationalisierung der Curricula und die Förderung der allgemeinen sowie der fachspezifischen Mehrsprachigkeit der Studierenden bedingen sich gegenseitig. Den Hochschulen wird empfohlen, allen Studierenden die Möglichkeit zum allgemeinsprachlichen und fachlichen Fremdsprachenerwerb zu eröffnen und diesen fest curricular zu verankern.

Zertifizierung und Leistungsüberprüfung
Um eine internationale oder interkulturelle Schwerpunktbildung der Studierenden zu ermöglichen, können gerade in kleineren Studienprogrammen interdisziplinäre Portfolio-Module oder Zertifikatsprogramme zu Regionalkompetenzen im Bereich der Professionalisierung oder Schlüsselkompetenzen eine gute Alternative darstellen.

Die Internationalisierung der Curricula und die einhergehende Schwerpunktsetzung könnte mit einer unerwünschten Reduktion der Lernziele auf deklaratives Wissen verbunden sein. Durch die Wirklichkeit des differenzierten deutschen kompetenz- und persönlichkeitsorientierten Reifungsprozesses ist zu erwarten, dass Leistungskontrollen, die vornehmlich auf die bloße Wiedergabe von Wissen abzielen, in den Hintergrund treten werden. Ungleich besser eignen sich Ansätze zur Leistungsprüfung, die die differenzierte Darlegung von Inhalten, die Fähigkeit zur vertieften Reflexion sowie die Entwicklung interkultureller Kompetenzen dezidiert belegen. Interaktive Formate wie Reflexions- und Prüfungsgespräche sind eine Möglichkeit, den Kompetenzerwerb abzubilden. In internationalen Teams gemeinsam erstellte Fachartikel oder Ergebnispräsentationen sind eine weitere Möglichkeit, zum Beispiel zu Experimenten oder Projektarbeiten. Ihnen sollte im Rahmen der Internationalisierung der Curricula der Vorzug gewährt werden.

Empfehlungen:

  • Gerade in kleineren Studienprogrammen können interdisziplinäre Portfolio-Module oder Zertifikate eine internationale oder interkulturelle Schwerpunktbildung ermöglichen.
  • Die Internationalisierung der Curricula zieht eine Verbindung deutscher Prüfungsformate mit internationalen Inhalten nach sich. Den Lehrenden wird empfohlen, Prüfungsformate zum Einsatz zu bringen, die geeignet sind, den mit der Internationalisierung der Curricula verbundenen Zugewinn an Kompetenzen abzubilden.

Auslandspraktika
Die Internationalisierung der Curricula ist nicht losgelöst von weiteren Internationalisierungsmaßnahmen zu betrachten. Insbesondere internationale Praktika sind geeignet, internationalisierte Lehrpläne zielführend zu ergänzen. Praktika in Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kliniken, Schulen sowie staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen im Ausland bieten den Studierenden Einblick in internationale Berufsfelder und ermöglichen einen vertieften interkulturellen Kompetenzerwerb. Um den Auslandsaufenthalt erfolgreich zu gestalten, sollte das Praktikum an der Heimathochschule curricular sorgfältig vor- und nachbereitet sowie begleitet werden. Dazu gehört neben einer inhaltlichen und fachlichen Vorbereitung auch die Vermittlung von interkulturellen Kompetenzen, wie sie auf der Grundlage eines internationalisierten Curriculums praktiziert wird

Empfehlung:

  • Den Hochschulen wird empfohlen, die Internationalisierung der Curricula durch integrierte Maßnahmen zum Ausbau der Auslandsmobilität zu ergänzen. Insbesondere Auslandspraktika sind geeignet, den Aufbau interkultureller Kompetenzen gezielt zu fördern.

Digitalisierung
Disziplinübergreifend erfährt die Internationalisierung der Curricula derzeit zusätzliche Impulse durch den digitalen Wandel. Die Digitalisierung ermöglicht es den Hochschulen, traditionelle Formen von Mobilität durch virtuelle Mobilität zu ergänzen. Zum einen kann der Einsatz digitaler Medien dazu beitragen, Auslandsaufenthalte passgenau in das Studium zu integrieren, sie besser zu begleiten und eine gezielte Vor- und Nachbereitung zu gewährleisten. Zum anderen erweitern digitale Bildungsangebote maßgeblich das Spektrum der Möglichkeiten der Internationalisierung zu Hause (internationalisation at home).

Der Einsatz digitaler Lehr- und Lernszenarien ermöglicht eine stärkere internationale Vernetzung der Lehrenden und Lernenden. Die große Bandbreite der Kooperationsformen reicht hierbei vom Rückgriff auf digitale Gastvorträge internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über synchrone E-Learning Szenarien wie dem virtual international classroom bis hin zum Einsatz von digitalen Lehrmaterialien, die gemeinsam mit internationalen Partnern konzipiert wurden.

Ausdrücklich ist zu betonen, dass reale und virtuelle Mobilität nicht als Gegensätze zu verstehen sind. Ein strategischer Ausbau der digitalen Bildungsangebote darf nicht zu Lasten der Förderung traditioneller Auslandsmobilität gehen. Vielmehr sind die Chancen und Möglichkeiten des digitalen Wandels dahingehend zu nutzen, die internationale Zusammenarbeit von Hochschulen insgesamt zu stärken. Es ist zu erwarten, dass eine engere Verzahnung von strategischer Internationalisierung und Digitalisierung insbesondere die Internationalisierung der Curricula maßgeblich befördern wird.[5]

Empfehlung:

  • Den Hochschulen wird empfohlen, die Potentiale der Digitalisierung konsequent für die Internationalisierung der Curricula zu nutzen.


Personalentwicklung und Ressourcenplanung
Im Rahmen der Internationalisierung der Curricula kommt den Lehrenden eine hervorgehobene Bedeutung zu. Sie sind es, die internationalisierte Curricula maßgeblich konzipieren und internationale und interkulturelle Inhalte in Vorlesungen, Seminaren, Übungen und weiteren Veranstaltungsformaten vermitteln. Die Internationalisierung der Curricula sollte für die Lehrenden jedoch nicht zu einer zusätzlichen Belastung werden. Die Hochschulen sind gefordert, sie insbesondere in der Eingangsphase gezielt zu unterstützen, entsprechende Personalentwicklungsmaßnahmen vorzuhalten und sie in anderen Bereichen zu entlasten. Nur so kann gewährleistet werden, dass die Lehrenden der Internationalisierung der Curricula die ihr gebührende Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen.

Empfehlung:

  • Den Hochschulen wird empfohlen, die Lehrenden bei der Konzeption und Umsetzung internationaler Curricula gezielt zu unterstützen.


Schlussbemerkung
Die Internationalisierung der Curricula ist als fortlaufender Prozess zu verstehen. Das heißt, sie steuert nicht auf einen klar definierten Endpunkt zu, sondern bezeichnet die im obigen Sinne definierte, kontinuierliche Internationalisierung der Lehre an den Hochschulen; sei es durch die Weiterentwicklung bestehender Studienprogramme oder aber durch die Konzeption neuer Programme.

Als Teil einer Internationalisierung zu Hause ist die Internationalisierung der Curricula als zentrales Element der Internationalisierungsstrategie einer Hochschule zu begreifen. Hierbei ist die Internationalisierung der Curricula passgenau in die umfassendere Internationalisierungsstrategie der Hochschule einzufügen. Die Internationalisierung der Lehrpläne sollte somit nicht losgelöst von weiteren Maßnahmen zur Internationalisierung der Hochschulen betrachtet werden.

Vielmehr steht sie zu diesen Maßnahmen in einer Wechselbeziehung und trägt entscheidend dazu bei, die Internationalität der Hochschule insgesamt zu stärken. So erhöhen internationale Lehrpläne nicht nur die Attraktivität der Hochschule für internationale Studierende und tragen zu einer willkommenen Diversifizierung der Lerngruppen bei, sondern sie sind auch ein Instrument, um die Auslandsmobilität deutscher Studierender zu fördern.

Für die Hochschulen wird es darauf ankommen, die Internationalisierung der Curricula konsequent und ganzheitlich zu betreiben. Hierzu ist es erforderlich, alle Gruppen und Bereiche der Hochschule einzubeziehen und den Veränderungsprozess gemeinsam zu gestalten. Das Spektrum reicht von der Hochschulleitung über die Lehrenden und Studierenden bis hin zur Verwaltung. Den Hochschulen wird empfohlen, personelle und finanzielle Ressourcen bereitzustellen, um die Internationalisierung der Curricula erfolgreich und nachhaltig zu gestalten.

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Das vorliegende Papier wurde von der HRK-AG Internationalisierung der Curricula unter Leitung von Vizepräsident Prof. Dr. Dieter Lenzen erarbeitet. Die HRK dankt den Mitgliedern der AG herzlich für ihr Engagement:

Prof. Dr. Verena Blechinger-Talcott (Freie Universität Berlin), Prof. Dr. Hiltraud Casper-Hehne (Georg-August-Universität Göttingen), Prof. Dr. Clemens van Dinther (Hochschule Reutlingen), Prof. Dr. Jörg Fedtke (Universität Passau), Prof. Dr. Angela Ittel (Technische Universität Berlin), Prof. Dr. Elspeth Jones (Professor Emeritus, Leeds Beckett University), Prof. Dr. Yasemin Karakaşoğlu (Universität Bremen), PD. Dr. Michael Knipper (Justus-Liebig-Universität Gießen), Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl (Universität Trier), Prof. Dr. Karin Luckey (Hochschule Bremen), Prof. Dr. Gerhard G. Paulus (Friedrich-Schiller-Universität Jena), Prof. Dr. Markus Pudelko (Eberhard Karls Universität Tübingen), Professor i.R. Dr. Reinhard Putz (Ludwig-Maximilians-Universität München), Dr. Tanja Reiffenrath (Georg-August-Universität Göttingen), Prof. Dr. Carolin Rotter (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Oliver Sawodny (Universität Stuttgart), Prof. Dr. Carsten Wolff (Fachhochschule Dortmund) und Prof. Dr. Jianwei Zhang (Universität Hamburg).

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[1] Siehe hierzu auch die internationale Strategie der Hochschulrektorenkonferenz „Die deutschen Hochschulen in der Welt und für die Welt“ (2008). Nachgedruckt in Hochschulrektorenkonferenz, Die deutschen Hochschulen internationalisieren!, Beiträge zur Hochschulpolitik 2/2012, Bonn: HRK, 2012: 7-18.

[2] Siehe Deutscher Akademischer Austauschdienst und Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (Hg.). Wissenschaft weltoffen 2016: Daten und Fakten zur Internationalität von Studium und Forschung in Deutschland. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, 2016: 46f. Etwa ein Viertel der Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen des Jahrgangs 2013 hat mindestens einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt absolviert. Etwa ein Fünftel der Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen desselben Jahrgangs verbrachte drei oder mehr Monate im Ausland.

[3] Die australische Bildungswissenschaftlerin Betty Leask (LaTrobe University, Melbourne) umschreibt die Internationalisierung der Curricula wie folgt: „Internationalization of the curriculum is the incorporation of international, intercultural, and/or global dimensions into the content of the curriculum as well as the learning outcomes, assessment tasks, teaching methods, and support services of a program of study.“ Ausgehend von dieser Definition entwickelt Leask ein komplexes Modell der Internationalisierung der Curricula, das neben dem formellen Curriculum (formal curriculum) auch das informelle Curriculum (informal curriculum) und den heimlichen Lehrplan (hidden curriculum) umfasst. In Abgrenzung von Leasks umfassender Definition konzentriert sich die HRK-Empfehlung vornehmlich auf die Kernbereiche Ziele und Inhalte. Betty Leask. Internationalizing the Curriculum. Internationalization in Higher Education. London and New York: Routledge, 2015: 9.

[4] Siehe hierzu auch die HRK-Empfehlung „Sprachenpolitik an deutschen Hochschulen“ (2011). Nachgedruckt in Hochschulrektorenkonferenz, Die deutschen Hochschulen internationalisieren!, Beiträge zur Hochschulpolitik 2/2012, Bonn: HRK, 2012: 31-50.

[5] Zur Rolle von digitalen Medien in der Internationalisierung der Lehre siehe auch Hochschulforum Digitalisierung. The Digital Turn: Hochschulbildung im digitalen Zeitalter. Arbeitspapier Nr. 27. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung, 2016: 71-82 und 92-94.


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