HRK Hochschulrektorenkonferenz Die Stimme der Hochschulen

Handelsblatt

"Es fehlen sieben Milliarden"

Barbara Gillmann im Gespräch mit Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz

Erschienen im Handelsblatt vom 24.7.2012

Herr Hippler, als neuer Präsident der Hochschulrektoren stehen sie vor einem Desaster: Bis 2015 fehlen 300.000 Studienplätze.
Ja, da haben sich die Kultusminister klar verrechnet - der Zustrom an die Hochschulen ist fast doppelt so stark gestiegen, wie sie noch 2011 dachten. Wir hatten für 2013 420.000 Anfänger erwartet, stattdessen waren es schon 2011 520 000. Ich glaube auch nicht, dass das schon das Maximum ist.

Warum?
Es wird viel mehr Bewerber ohne Abitur geben, die oft Berufserfahrung mitbringen. Das ist ja auch politisch gewollt. Auch der Zustrom aus dem Ausland wird weiter steigen. Gerade junge Leute aus den Krisenländern werden bei uns studieren wollen, weil sie hier auf einen Job hoffen. Und wir brauchen ja mehr Akademiker.

Was kostet das?
Das kostet fünf bis sieben Milliarden Euro zusätzlich für das gesamte Studium der  zusätzlichen Studenten, also bis 2017/2018. Die Hochschulen brauchen spätestens 2014 mehr Geld und zwar dauerhaft, denn die Studierendenzahlen werden auch darüber hinaus höher sein als gedacht.

Heute studieren 45 Prozent eines Jahrgangs. Ist das schon zuviel?
Noch nicht. Langfristig wird sicher jeder Zweite studieren. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir bei der beruflichen Ausbildung nichts kaputt machen. Die hohen Abbrecherquoten gerade bei den Ingenieuren sind ein Problem. Aber woher soll ein Abiturient wissen, was Elektrotechnik ist? Deshalb muss das System in alle Richtungen durchlässig sein. Daneben brauchen wir eine neue Art des Einstiegs - gerade weil die Gruppe der Anfänger-Bewerber immer heterogener wird.

Wie könnte der aussehen?
Wir bräuchten ein Einstiegsjahr, die Amerikaner nennen es `freshman-year´. Wir haben deshalb in Karlsruhe und Stuttgart das Pilotprojekt `MINT-school Baden-Württemberg´ gestartet. Studenten können sich im ersten Jahr orientieren und Mathe- oder Physikkenntnisse verbessern, an denen viele scheitern. Der Zulauf ist enorm und wir hoffen, dass es den Schwund vermindert. Denn die meisten scheitern nicht am Intellekt, sondern weil sie sich nicht schnell genug eingewöhnen und fachlich nachlegen müssen. So können wir uns auch verborgene Talente sichern. Im Regelfall geht das aber rechtlich noch nicht, weil es die Regelstudienzeit verlängert.

Die Zeitersparnis des verkürzten Gymnasiums wäre dann zunichte.
Die Zeit des Jugendwahns ist ohnehin vorbei. Die Wirtschaft erkennt, dass sie nicht möglichst junge Leute braucht, sondern Persönlichkeiten. Das Jahr ist gut investiert.

Ein kürzeres Studium war ein Ziel der Bolognareform.
Hier muss man differenzieren. An den Fachhochschulen hat der Bachelor das Diplom ersetzt, das funktioniert gut, hier werden zwei Drittel der Ingenieure ausgebildet. Der Anteil der Studierenden an den Fachhochschulen sollte generell noch weit höher sein.

Und an der Universität?
Wenn dort die meisten Studenten nach dem Bachelor abgingen, drohten zwei Katastrophen: Die Wirtschaft bekommt nicht mehr genug Naturwissenschaftler und Ingenieure, die forschen und entwickeln können. Die versagen dann schon, wenn sich bei einer Brücke das Material ändert und sie dafür keine Formal haben. An den Unis bricht aus Doktorandenmangel die Forschung zusammen.

Was ist die Folge?
Es gibt zumindest in den MINT-Fächern keinen Grund, dass Unis berufsorientierte Bachelors ausbilden. Dafür gibt es die Fachhochschulen. Deshalb dürfen Länder Unis keine Master-Quoten verordnen, wie es etwa NRW tut.

Die Wirtschaft wollte die Bachelors.
Das kommt darauf an, wen man fragt: Herr Sattelberger von der BDA sagt etwas anderes als SüdwestMetall, Personalchefs fordern anderes als Forschungsvorstände. Bei Unternehmen wie Bosch etwa herrscht große Angst, dass die universitäre Ausbildung leidet.


Mit freundlicher Genehmigung des Handelsblatt Verlags.