HRK Hochschulrektorenkonferenz Die Stimme der Hochschulen

Frankfurter Rundschau

"500 Euro pro Semester tun keinem weh"

Katja Irle im Gespräch mit Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz

Erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 17.10.2012


Herr Professor Hippler, die Zahl der Studenten ist auf gut 2,3 Millionen geklettert. Freut Sie das?

Nicht uneingeschränkt. Wir müssen aufpassen, dass wir des Guten nicht zu viel tun. Wir brauchen natürlich Akademiker in Deutschland, aber wir brauchen auch genügend talentierte junge Leute in der beruflichen Ausbildung. Wir müssen darauf achten, die vier Säulen in unserem Bildungssystem in einer guten Balance zu halten: berufliche Bildung, duale Hochschulen, Fachhochschulen und Universitäten.

Dennoch rechnet die HRK damit, dass bis 2015 etwa 300.000 Studienplätze fehlen werden. Wie bewältigen die Hochschulen das zum Wintersemester?
Der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern federt das nur zum Teil ab.

Das sind immerhin 3,2 Milliarden Euro Bundesmittel für die Jahre 2011 bis 2015.
Der Bund hat zwar nach der Aussetzung der Wehrpflicht noch einmal aufgestockt, aber die Mittel reichen nach den jüngsten Prognosen nach wie vor nicht aus. Wir haben aktuell fast nur neue Bachelor-Studienplätze schaffen können. Uns werden Masterplätze fehlen.

Viele Hochschulen versuchen die Zahl der Studierenden durch internen Numerus clausus zu reglementieren. Ist das sinnvoll?
Hochschulen dürfen den Zugang nur dann beschränken, wenn ihre Kapazitäten ausgeschöpft sind. Dann ist der lokale NC eine notwendige Maßnahme. Die Hochschulen müssen darauf achten, dass die Studiengänge nicht überlaufen und studierbar bleiben.

Das führt aber auch zu NC-Regelungen in jenen Fächern, deren Absolventen dringend gebraucht werden  - etwa in den Ingenieur- oder Erziehungswissenschaften.
Um diese Nachfrage zu befriedigen, hätte man die Kapazitäten ausbauen müssen. Aber es macht jetzt keinen Sinn, nachträglich mehr Erstsemester als geplant zuzulassen. Nehmen wir die Ingenieurwissenschaften: Selbst wenn wir jetzt mehr aufnähmen, müssten die Studierenden später ein bis zwei Jahre auf das obligatorische Praktikum warten, weil es zu wenig Plätze gibt.

Sehen Sie die Hochschulen nicht in der Pflicht, in Mangelfächern deutlich mehr auszubilden?
Wir haben schon jetzt eine Überlast. Das lässt sich nicht beliebig fortsetzen, sonst bricht das ganze System zusammen. Außerdem muss man den angeblichen Mangel genau betrachten: Wenn man an einer Hochschule keine Zusage bekommt, gibt es anderswo oft noch freie Plätze. Studierende bewerben sich ja an verschiedenen Hochschulen und wir wissen deshalb nie genau, wo Studienplätze wirklich fehlen.

Das Problem ist doch hausgemacht. Das neue  Online-Einschreibeverfahren, das bundesweit laufen sollte, funktioniert nicht. Wie lange kann man sich diese Pannen noch leisten?
Es stimmt, dass wir die Mehrfachbewerbungen noch besser kanalisieren müssen. Das Online-Verfahren soll den Hochschulen dabei helfen und funktioniert jetzt im Prinzip, aber die Entwicklung hätte viel früher anfangen müssen. Dennoch haben wir die doppelten Abiturjahrgänge in der Regel gut abgefangen.

Durch die verkürzte Gymnasialzeit kommen immer jüngere Studierende an die Hochschulen. Eine Umfrage in Bayreuth ergab, das Niveau sinke von Jahr zu Jahr. Machen es sich die Hochschulen mit dieser Klage zu einfach?
Ich sehe hier sowohl die Schulen als auch die Hochschulen in der Pflicht. Generell müssten wir zu Beginn des Studiums mehr Flexibilität zulassen. Es rächt sich, dass  junge Leute  gleich zu  Beginn entscheiden müssen, für welchen Studiengang sie sich einschreiben. Die meisten wissen noch gar nicht, ob ihnen das Fach überhaupt liegt. Deshalb brauchen wir eine Orientierungsphase. Das können Angebote wie "General Studies" sein, aber auch die gezielte Vorbereitung für ein Fach, wie etwa die Mint-Schools für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in Baden-Württemberg.

Was Schüler bei der G8-Reform einsparen mussten, sollen sie per Orientierungsjahr im Studium wieder dranhängen?
Der Jugendwahn hat sich doch erübrigt! Die Persönlichkeit der jungen Leute muss an der Hochschule reifen können, die einseitige Fixierung auf Zeitersparnis darf dem nicht entgegenstehen.

Wie könnte eine Orientierungsphase konkret aussehen?
Der Student kommt an die Hochschule, schreibt sich aber erst nach einem oder zwei Semestern für ein Fach ein. So wird es in etwa in den USA vielfach erfolgreich gehandhabt. Aber in Deutschland funktioniert das leider nicht, weil wir eine Kapazitätsverordnung haben und Studenten von Anfang an für einen bestimmten  Studiengang zulassen müssen. Da sind uns derzeit weitgehend die Hände gebunden.

Wie könnte man das ändern?
Die Kapazitätsverordnung müsste verschwinden. Dann  wären wir deutlich flexibler und könnten auch eine Orientierungsphase einführen.

Dafür brauchen die Hochschulen auch mehr Personal und Räume. Wer bezahlt das?
Das ist die Aufgabe der Länder, wessen sonst? Soweit wir als Hochschulen keine Studienbeiträge erheben dürfen, sind die Länder uneingeschränkt politisch und finanziell in der Pflicht.

Bis auf Bayern und Niedersachsen haben alle  Bundesländer Gebühren wieder abgeschafft. Wollen Sie die Debatte neu beleben?
Ich bin ein Befürworter von Studienbeiträgen. Sie führen unter anderem dazu, dass junge Leute sich genauer überlegen, welches Fach sie wirklich studieren wollen. Zurzeit ist das ein politisches Tabuthema, dabei würde es angesichts der guten Gehaltsperspektiven von Akademikern niemandem wehtun, 500 Euro pro Semester zu leisten.

Viele potenzielle Studierende werden von Gebühren abgeschreckt. Wollen Sie das?
Nein, deshalb plädiere ich für so genannte nachlaufende Gebühren, das heißt: Gezahlt wird erst nach dem Studium. Ich bin sicher, dass die Politik über Studienbeiträge früher oder später wieder diskutieren wird. Die Länder sind derzeit gar nicht in der Lage, die Hochschulen angemessen auszustatten.