
Die HRK zog aus diesen Aktivitäten das Fazit, dass es im Interesse der deutschen Hochschulen und des Hochschulwesens insgesamt war, sich noch stärker in Osteuropa zu engagieren, da sich hier den deutschen Hochschulen zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten in Forschung und Lehre und bei der Internationalisierung der deutschen Hochschulen boten. Die deutschen Hochschulen signalisierten durch ihre aktive Teilnahme an den Koordinierungsgesprächen der HRK, dass sie die Dienstleistungen der HRK bei der Aufnahme und Unterstützung von Kontakten zu Hochschulpartnern im Osten und zu verschiedensten Geldgebern als sehr nützlich empfanden. Auch in Osteuropa wurden die Beratungsangebote der HRK durchaus wahrgenommen und genutzt. Das von der HRK dabei im Ausland vertretene hochschulpolitische Leitbild der autonomen (d. h. staatlich und parteipolitisch nicht gegängelten) Universität, die Lehre und Forschung und Dienstleistungen für die Entwicklung von Gesellschaft und Region leistet und sich dazu mit anderen Hochschulen selbst organisiert (z. B. in Rektorenkonferenzen), leistete durchaus einen Beitrag zur Demokratisierung des Hochschulwesens in Osteuropa. Die HRK musste aber auch lernen, dass sie als Stimme der deutschen Hochschulen nur dann eine Chance hatte, nachhaltig Gehör zu finden, wenn die gewonnenen neuen Gesprächspartner in ihrer desolaten Lage in der Transformationsperiode auch materiell in ihrer hochschulpolitischen Entwicklung unterstützt und gefördert werden konnten.
Dies galt umso mehr in der politisch-psychologisch und ökonomisch kriegsbetroffenen Region Südosteuropa, in der die Hochschulen aus Sicht aller europäischen beratenden Einrichtungen inklusive der HRK durch das tito-jugoslawische Leitbild der Universität als Föderation rechtlich und finanztechnisch unabhängiger Fakultäten an einer zielgerichteten Entwicklung gehindert wurden.
Das Modell der Fakultätenföderation erwies sich in den Nachfolgestaaten Tito-Jugoslawiens trotz aller Kritik europäischer Hochschulorganisationen und des Europarats als sehr reformresistent. Hier wurde die HRK häufig von Hochschulrektoren um beratende Hilfe gebeten.2 Die HRK hat dem gemeinsam mit der Association of European Universities (CRE) bzw. der ab März 2001 European University Association (EUA) genannten Europäischen Hochschulvereinigung das Modell einer integrierten Universität gegenübergestellt und die Überwindung des jugoslawischen Systems zu einem der Ziele ihrer hochschulpolitischen Arbeit im Westbalkan gemacht.
Noch größere Dringlichkeit erhielt die Arbeit der HRK in Ost- und Südosteuropa durch den aufkommenden Bologna-Prozess. Die gemeinsame erfolgreiche Gestaltung des zukünftigen Europäischen Hochschulraums wurde seit der Unterzeichnung der Bologna-Deklaration 1999 zur Leitvision und Handlungsmaxime der meisten europäischen Hochschulen, was von der HRK im Interesse der Entwicklung und Konkurrenzfähigkeit der deutschen Hochschulen energisch unterstützt wurde. Die HRK musste deshalb ein hochschulpolitisches Interesse an der Einbeziehung der südosteuropäischen Hochschulen, die noch nicht Teil des Bologna-Prozesses waren, in diese neue europäische Entwicklung haben.
Der Kosovo-Krieg als Katalysator der HRK-Projektarbeit in Südosteuropa
Der Kosovo-Krieg im Jahre 1999 offenbarte das Scheitern der westlichen Bemühungen während der 90er Jahre, zu einer Befriedung, Stabilisierung und Entwicklung des Westbalkan zu gelangen. Angesichts dieses Scheiterns nach vier Kriegen in einem Jahrzehnt stellte es am Ende des Kosovo-Krieges am 10.06.1999 eine große politisch-gestalterische Aufgabe dar, der Region einen Weg aus ethnischer Parzellierung, Krieg und ethnischer Säuberung zu einer friedlichen ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung mit dem Ziel des Beitritts in die Europäische Gemeinschaft und der Mitwirkung in den euro-atlantischen Strukturen zu eröffnen. Die EU reagierte mit der Einleitung eines "Stabilisation and Association Process" und - auf einen Entwurf der deutschen Bundesregierung hin - mit der Initiierung des Stabilitätspaktes für Südosteuropa, der die Herstellung oder Wiederherstellung der regionalen Kooperationsstrukturen zum Ziele hatte. "The new approach entailed a comprehensive programme in which cross-border regional cooperation was to be encouraged and rewarded. The policy, based on the message that 'regional cooperation pays', was designed to modify the nature of activities in the region by rewarding neighbourly and cooperative behaviour and outlawing the use of force."3
Die europäischen Hochschulen, die sich während der Ministerkonferenz zur Unterzeichnung der Bologna-Deklaration am 19.06.1999 versammelt hatten, wollten und konnten an dieser Entwicklung nicht vorbeigehen. Noch während der Konferenz wurde beschlossen, dass die CRE eine Kosovo Task Force gründen und eine "Fact Finding Mission" in den Kosovo organisieren sollte, die nur gut sechs Wochen nach Ende der Kriegshandlungen zustande kam (22.-25.07.1999). Die Task Force wurde von Prof. Dr. Michael Daxner, dem ehemaligen Präsidenten der Universität Oldenburg und Mitglied des CRE-Vorstands, geleitet. Zu den Teilnehmern gehörte auch ein Vertreter des HRK-Sekretariats.
Die Mehrzahl der beteiligten Organisationen, die CRE, der Europarat, der World University Service Austria (WUS Austria) und die HRK sowie das österreichische Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur kamen zu dem Schluss, dass die Situation im Kosovo katastrophal und die Steuerungsfähigkeit der United Nations Mission in Kosovo (UNMIK) im Hochschulbereich den Anforderungen nicht gewachsen war. Die Reise hatte gezeigt, dass im Kosovo nicht nur hochschulpolitische Beratung von den europäischen Hochschulen verlangt war, sondern konkretes Notstands-Management und massive Hilfsleistungen vor Ort, um ein Mindestmaß an Entwicklungsfähigkeit im Kosovo zu ermöglichen. Außerdem war es offensichtlich, dass es hier nicht nur um den Kosovo ging, sondern dass sich ganz Südosteuropa durch die Folgen des Transformationsprozesses und die postjugoslawischen Nachfolgekriege in einem bedrohlichen Zustand der Instabilität befand.
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Die "Koordinierungs- und Beratungsstelle der HRK für die Zusammenarbeit mit Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen in Mittel- und Osteuropa bei der Hochschulerneuerung" existierte von 1992 bis 1998 und war mit zwei zusätzlichen Mitarbeiterstellen ausgestattet.