
In seinen "Weimarer Leitlinien Innovation" hat sich der SPD-Parteivorstand für die Schaffung deutscher Spitzenhochschulen ausgesprochen. Über dieses Thema sprach Volksstimme-Redakteur Philipp Hoffmann mit dem Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Peter Gaehtgens.
Volksstimme: Wann wird es in Deutschland die erste Elite-Universität geben und welche wird es sein?
Peter Gaehtgens: Das ist eine gegenwärtig nicht beantwortbare Frage. Zuerst muss die politische Zielsetzung umgesetzt werden, die der SPD-Parteivorstand in Weimar formuliert hat, das heißt, es müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wenn die Politik dieses tut, werden wir sicherlich in der Lage sein, international besonders wettbewerbsstarke Universitäten zu schaffen.
Volksstimme: Was sind die Rahmenbedingungen?
Gaehtgens: Einerseits die finanzielle Situation. Der Bundeskanzler hat sich zu der Vereinbarung der europäischen Regierungschefs bekannt, im Jahre 2010 drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Forschung und Entwicklung auszugeben. Im Moment sind wir davon mit 2,4 Prozent weit entfernt. Es bedarf nun einer erheblichen finanziellen Anstrengung von Staat und Wirtschaft. Pro Jahr müssen fünf Milliarden Euro in das Hochschulsystem hinein. Spätestens von 2005 an muss es jährliche Steigerungsraten von etwa acht Prozent geben. Zurzeit haben wir das Gegenteil davon: Es wird zurückgeschnitten.
Die Rahmenbedingungen müssen auch so gestaltet werden, wie sie den international führenden Hochschulen entsprechen. Das bedeutet eine Befreiung aus dem in Deutschland zu engen Korsett von Vorschriften. Die Hochschulen können ihre Studierenden nicht aussuchen; es gibt Vorschriften für die Beschäftigung von Wissenschaftlern, die die Rekrutierung der Besten behindern. Nur durch qualitätsorientierten Wettbewerb können aber Spitzenuniversitäten entstehen. Wobei ich ausdrücklich betone, dass die jetzigen Universitäten durchaus in einzelnen Fakultäten oder Fächern international absolut wettbewerbsfähig und sogar internationale Spitze sind.
Volksstimme: Heißt das, die deutsche Hochschullandschaft steht nicht so schlecht da, wie es oft dargestellt wird?
Gaehtgens: Bei weitem nicht. Dieser berühmte "Brain Drain", also die Abwanderung der qualifizierten Nachwuchswissenschaftler, die wir in Deutschland ausbilden, ist ja ein Beleg dafür, dass wir eine Ausbildungsqualität haben, die international sehr hoch geschätzt wird. Man muss auch mal sehen, dass die amerikanische Produktivität zu etwa 60 Prozent nicht von einheimischen, sondern von ausländischen Wissenschaftlern erzielt wird, darunter vielen deutschen.
Volksstimme: Zurück zu den Rahmenbedingungen. Wir haben noch nicht von Studiengebühren gesprochen.
Gaehtgens: Ich halte Studiengebühren für eine dringende Notwendigkeit. Nicht allein aus finanziellen Gründen, sondern auch weil damit auf der Seite der Studierenden ein anderes Verhältnis zu ihrer Ausbildung entsteht. Sie werden es ernster nehmen, darauf zu achten, dass diese nicht ewig dauert und dass sie ein möglichst hohes Niveau erreicht. Die Studierenden können dann auch mehr von der Hochschule verlangen.
Volksstimme: Studierende und Eltern wehren sich gegen Studiengebühren und verweisen auf eine Benachteiligung sozial schwacher Familien.
Gaehtgens: Es ist für mich selbstverständlich, dass Studiengebühren sozial ausgewogen sein müssen. Wir müssen zum Beispiel durch Stipendien dafür sorgen, dass niemand durch Gebühren vom Studium abgehalten wird. Wir haben ein hohes Interesse daran, unter den jungen Menschen in diesem Lande alle zu rekrutieren, die die entsprechende Begabung haben, unabhängig von ihrer materiellen Situation.
Volksstimme: Ist es der richtige Weg, auf Privathochschulen zuzusteuern?
Gaehtgens: Nein. Ich halte das nicht für eine Lösung. Erstens konzentrieren sich die existierenden privaten Hochschulen in Deutschland ausnahmslos auf ein sehr, sehr kleines Fächerspektrum. Zweitens sind sie quantitativ sehr klein. An ihnen studieren 40000 Menschen gegenüber zwei Millionen an staatlichen Hochschulen. Zudem betreiben diese Privathochschulen in der Regel keine Forschung. In dieser Hinsicht sind sie bei weitem nicht in der Lage, das zu liefern, was die staatlichen Hochschulen können.
Volksstimme: Wie beurteilen Sie die derzeitigen Hochschulreformen in Deutschland? Unterstützen sie das Ziel von Spitzenhochschulen oder stehen sie ihm im Wege?
Gaehtgens: Im Moment habe ich das Gefühl, dass sie dem eher im Wege stehen, weil sie weiterhin mit einer sehr starken staatlichen Reglementierung einhergehen und daher den Wettbewerb nicht richtig befördern. Wir reden in Deutschland außerordentlich viel über Wettbewerb, aber wir haben ihn im Hochschulsektor nicht. Es geht darum, durch Anreize die Hochschulen dazu zu bewegen, sich auf die Steigerung ihrer Bemühungen um Qualität einzulassen. Und das muss letzten Endes das Kriterium sein, wenn wir international wettbewerbsfähig sein wollen.
In der Bundesrepublik werden derzeit fast flächendeckend die Mittel für die Hochschulen zusammengestrichen. Gleichzeitig will man die Zahl der Studenten erhöhen. Das halte ich für völlig unverträgliche Entwicklungen. Es muss eine deutliche Trendwende her. In diesem Sinne sehe ich es als sehr hilfreich an, dass die Diskussion um Spitzenhochschulen losgetreten wurde. Das macht auch die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass das, was derzeit passiert, widersprüchlich ist.
Die SPD-Spitze hat ein Ziel formuliert, das ich in Großteilen akzeptieren kann. Aber die Realität in der Politik verläuft genau entgegengesetzt. Daher müssen wir jetzt auf eine konkrete Umsetzung der neuen Ziele hinarbeiten. Das werden wir tun.
Volksstimme: Sie befürworten also grundsätzlich, dass in Deutschland eine wissenschaftliche Elite herangebildet wird?
Gaehtgens: Grundsätzlich brauchen wir überall Eliten. Die Gesellschaft in der ganzen Welt wird von der Entwicklung neuer Erkenntnisse geprägt sein, von der Generierung neuen Wissens und dessen Umsetzung in die Produktion neuer Waren. In Deutschland ist man zu stark auf die Entwicklung einer Dienstleistungsgesellschaft orientiert. Dabei wird vernachlässigt, dass Erfindungen und Entdeckungen die Grundlage dafür sind, dass wir auch neue Produkte schaffen können.
Es ist richtig und gut, dass in Deutschland das Hochschulwesen eine außerordentliche Breite der Qualität anbietet. Was wir noch stärker entwickeln müssen, ist die zusätzlich dazu und nicht an ihrer Stelle geförderte internationale Spitze.
Volksstimme: Halten Sie es für berechtigt, dass die SPD-Spitze amerikanische Universitäten wie Harvard und Stanford als Vorbilder nennt?
Gaehtgens: Natürlich ist das berechtigt, denn das sind international hoch renommierte Einrichtungen, die bei Hochschulvergleichen unabhängig von den Bewertungskriterien immer vorne stehen. Sie sind aber über viele Jahrzehnte gewachsen und verfügen über ganz andere Ressourcen. Stanford hat ein Budget von 2,2 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist zehnmal mehr als die teuerste deutsche Universität zur Verfügung hat. Wenn man dies nicht berücksichtigt, wäre es unberechtigt, Harvard und Stanford als Vorbilder zu nennen. Beide haben im 19. Jahrhundert unsere Universitäten kopiert, sich aber dann im Gegensatz zu unseren immer darum gekümmert - und kümmern könen -, dass ihre finanzielle Situation nicht geschwächt wurde.
Volksstimme: Stehen wir vor einem ähnlichen Umbruch in der Hochschullandschaft wie in den 70er Jahren?
Gaehtgens: Ja. Ich glaube, dass die Erkenntnis in der SPD, die zu der Weimarer Entscheidung geführt hat, auch die Erkenntnis ist, dass der Umbruch der 70er Jahre zwar einen richtigen Aspekt beinhaltet hat, nämlich größere Teile der Bevölkerung an der Hochschulbildung zu beteiligen, dass aber ein entscheidender Faktor dabei zu wenig bewertet wurde: Breite Leistungsfähigkeit entsteht nur dann, wenn es Spitzenvorbilder gibt. Das ist wie im Sport.
Volksstimme: In welchem Zeitraum halten Sie es für möglich, dass es in Deutschland Elite-Hochschulen gibt?
Gaehtgens: Wenn man jetzt entschlossen an die Sache herangeht, gibt es eine gute Chance dafür, dass man in fünf bis sechs Jahren eine Leistungsexplosion zu Stande bringt. Wir haben dafür eine gute Ausgangsbasis. In den deutschen Hochschulen ist die Zahl der Pensionierungen so hoch wie noch nie. Das ist die Chance für einen Generationenwechsel. Dafür müssen jetzt die Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit nicht die nächsten hoch qualifizierten Nachwuchskräfte wieder ins Ausland abwandern. Wenn diese Chance jetzt nicht ergriffen wird, dann wird sie über Jahrzehnte verbaut bleiben. Nach Weimar kann man nicht noch fünf Jahre herumdiskutieren, man muss handeln.
Volksstimme: Muss die Politik mehr Einfluss auf die Hochschulen nehmen und stärker steuern?
Gaehtgens: Im Gegenteil. Sie muss Ziele vorgeben, sich aber von Detailfestlegungen zurückziehen. Das ist auch eine Abkehr von der Philosophie der 70er Jahre. Das verloren gegangene Vertrauen der Wirtschaft in deutsche Hochschulen können wir nur dann wieder herstellen, wenn Universitäten nicht länger Staatskombinate sind.
Der Medizin-Professor Peter Gaehtgens (66) war bis Juni 2003 Präsident der Freien Universität Berlin. Seit August steht er der Hochschulrektorenkonferenz vor.
Mit freundlicher Genehmigung der Magdeburger Volksstimme.